Öömrang

Prima erholt und ziemlich wiederwillig sind Mama und ich von Amrum zurückgekehrt. Ich liebe diese Insel – leew haa’k di, min öömrang lun! Feinster weißer Kniepsand ohne Anfang und Ende, Bohlenwege durch die Dünen, Heidelandschaft, reetgedeckte Friesenhäuser, Salzwiesen, Watt, Wellen, Wind, Wolken und natürlich allerhand Federvieh. Auf dem Hinweg kommt die erste Entspannungsphase bei mir immer schon, wenn die Autobahnstrecke A2-A7-A23 bei Heide endet und in Bundesstraße übergeht, ich die GRA auf gemütliche 100 km/h stelle und der Blick auf die dithmarscher Kohlfelder, Windräder und Möwen fällt. Eiderstedt links liegen lassend geht es weiter die Küste rauf, nordfriesische Ortsnamen, plattes weites Land, irgendwann dann eingedeichtes Marschland (Köge), schließlich durchgängig Deich zur Linken und die Gewissheit: dahinter ist sie, unsere heißgeliebte Nordsee. Noch nicht zu sehen, aber beim Öffnen der Autofenster zu riechen und zu schmecken. Speicherbecken bevölkert von Federvieh kündigen die nahenden Fährhäfen Schlüttsiel und Dagebüll an – dieses Jahr haben wir dort eine große Gruppe Weißwangengänse (auch: Nonnengänse) vorgefunden: Premiere für uns, denn diese Meergansart ist uns noch nie begegnet. Letztes Jahr waren an derselben Stelle Ringelgänse am Schnattern.

Die bereits im letzten Herbst ergatterte Direktverbindung von Dagebüll brachte uns 90 min Entspannung auf dem Sonnendeck. In Wittdün haben wir noch kurz an der Tourist-Information Fahrkarten für einen Tagesausflug nach Hallig Hooge gekauft, ein Stück Kuchen genossen und dann ging es auf nach Norddorf in „unsere“ Pension Anka. Wir wurden als Stammgäste nordisch herzlich empfangen und das Zimmer bot wie telefonisch zuvor besprochen ausreichend Platz für meine Lympha Press. Frau Wolf kam kurz gucken wo ich das Therapiegerät aufgebaut hatte, um beim Zimmerreinigen keine Überraschung zu erleben. Und dann nichts wie raus in die Natur und die Nordseeluft genießen. Dieses Jahr waren wir schon im Juli auf Amrum (bislang immer im August), zudem hinkt die Natur durch das klatschnasse kalte Frühjahr ein paar Wochen hinterher – und diese Kombination ermöglichte es uns erstmals, Rotschenkel- und Austernfischerküken zu beobachten. Es lohnt sich in den nächsten Tagen die Galerie „Etwa 54° Nord“ zu besuchen, um die Küken zu sehen, außerdem Zwerg- und Küstenseeschwalben sowie diverse andere Limikolen (Watvögel), für deren exakte Bestimmung ich mich nochmal mit einem Vogelbuch vor den Monitor setzen muss. Die verschiedenen Schnabelformen und Gefieder zu unterscheiden ist bei Weit-weit-weg-Aufnahmen mit einem voll ausgefahrenen 250 mm Zoomobjektiv, das mit angehaltener Luft bei rauhem Nordseewind fokussieren soll, manchmal nicht so ganz einfach. Natürlich habe ich auch wieder ausgiebig Blühendes, Viecher ohne Federn und Landschaftliches fotografiert, dieses Jahr erstmals mit der DSLR. Die schönsten Fotos lade ich in den nächsten Tagen hoch.

Unser Tagesausflug zur Hallig Hooge war gleich am ersten Urlaubstag und für uns nicht wiederholenswert. Hooge ist mit den malerischen Warften auf saftigen grünen Weiden unterbrochen von Wasserläufen und bevölkert von Rindern, Schafen, Pferden und Vögeln zwar wunderschön, aber der mittels Pferdewagen zu bestimmten Warften gelenkte Massentourismus war eher nicht unser Ding. Aber wer will es den Hoogern verdenken: Würden die aus den anlegenden Fähren strömenden Menschenmengen hin und her busseln wie sie wollten, dann wäre es mit der Hallig-Ruhe völlig vorbei.

Dafür haben wir umso mehr an den folgenden Tagen unsere ausgedehnten Wanderungen durch Amrums Heideflächen und Dünen zu Vogelkoje und Quermarkenfeuer, über den kilometerlangen und breiten Kniepsand und um die Nordspitze der Insel zum Vogelschutzgebiet Amrumer Odde genossen. Das viele Barfußlaufen auf dem Sand mit seinen unterschiedlichen von Wind und Wellen geformten Strukturen und im Watt ist einfach wunderbar. Sofern man sich nicht direkt zwischen den Strandkörben an einem der von der DLRG bewachten Badestrände aufhält, merkt man oft stundenlang nicht, dass Hauptsaison ist. Lediglich abends bei unserem Lieblingslokal „Zum Fischbäcker“ war eine Reservierung oft die einzige Möglichkeit, ohne Anstehen zu einer leckeren Fischmahlzeit zu kommen. Ein weiteres Highlight unseres Amrum-Urlaubs, das wir zwangsläufig im Rudel mit anderen Urlaubern durchführen müssen, werde ich in einem Extra-Beitrag beschreiben: Die große Wattwanderung. Aber nochmal zurück zum Essen: Herrn Wolfs Brotkorb auf dem Frühstücksbuffet (neben Eiern, Käseplatte, Quark, Joghurt, Obst, selbstgekochten Marmeladen,…), Friesenwaffeln bei Cafe Schult sowie Fisch mit Kartoffeln jeweils in allen Variationen beim Fischbäcker: Auch das sind Gründe für uns, Amrum treu zu bleiben. Der Abschied fiel uns wieder schwer, am liebsten hätte ich kurz vor der Fähre gewendet. Aber meine Sehnsucht nach Dirk, die Aussicht auf weitere zwei Wochen Urlaub zu Hause sowie eine weitere Woche an der Nordsee mit Dirk im Herbst lassen den Trennungsschmerz etwas verblassen. Min öömrang lun – nächstes Jahr sehen wir uns wieder!