Augen auf beim Wattenlauf!

Die große Wattwanderung von Amrum nach Föhr oder je nach Niedrigwasser-Uhrzeit auch von Föhr nach Amrum ist ein echtes Highlight für Amrum-Urlauber. 8 km und 4 Stunden lang geht es durch schönstes Sandwatt zwischen dem Inseldreieck Amrum, Föhr und Sylt in äußerst zügigem Tempo („Die Fluuut kommt!“) auf dem Meeresboden dem Wattführer hinterher. Wir empfehlen als Wattführer Rainhard Boyens, und das aus ganz verschiedenen Gründen: Als echter Öömrang liebt er seine Insel, berichtet äußerst witzig über den ewig schwelenden Konkurrenzkampf zwischen den Amrumern und Föhringern (sehr ähnlich zu BS-H), hat dennoch seine Schwester auf die weniger schöne Insel verheiraten müssen, sondert über sein Megafon in den 4 Stunden eine Unmenge an sachkundigen Infos zum einzigartigen Lebensraum Watt sowie zur Geschichte beider Inseln ab, sorgt gleichzeitig permanent für Gelächter durch seine unnachahmliche Intonation und den trockenen friesischen Humor („…In Dunsum auf Föhr steht dann für uns ein Bus bereit, in den wir alle einsteigen werden, falls wir denn üüüberhaupt alle lebend den rettenden Deich erreichen…“). Trotz der markigen Sprüche fühlt man sich bei ihm äußerst gut betreut und sicher, und das Wohlergehen seiner Gäste ist ihm so wichtig, dass er schon am Treffpunkt wertvolle Hinweise gibt („Wir sind ja hier nu an der Nooordsee, besitzen denn die Kinder da keine Windjacke?“, „Jetzt schon barfuß?“, „Badehose hat ja jeder an und Ersatzhose ist dabei, oder? Denn wir müssen durch einen Priiiel, wo das Wasser bis zur Hüfte reichen kann.“, „Nein, Priel ist hier oben im Norden was anderes als Spüli!“, „Meinen Anweisungen solltet ihr lauschen, dass erhöht eure Überlebenschancen erheblich!“).

Bereits in den ersten Minuten am Treffpunkt (bei der Tour Amrum-Föhr an der Busendstation in Norddorf) bieten sich ausgiebige Möglichkeiten für vertiefte anthropologische Studien. Die Eltern beharren darauf, ihre drei Kinder ohne Windjacken mitzunehmen, die Barfußläufer zeigen sich völlig unbeeindruckt davon, dass der ortskundige Wattführer Turnschuhe trägt, die Frau in Skinny-Jeans krempelt unten am Knöchel mit Mühe zweimal um und fühlt sich alsdann bereit für den großen Priel, die Teenager (eine Diakonie-Jugendgruppe aus NRW) schubsen sich gegenseitig, gackern sich tot oder wischen realweltentrückt auf ihren Smartphones rum und finden es offensichtlich voll uncool, irgendwem zuzuhören. Der Jugendgruppenleiter schimpft motivationslos, der Wattführer starrt fassungslos auf die weiblichen Teenager, die so aussehen als stünde ein Discobesuch unmittelbar bevor. Hierzu sagt er lieber nichts.

Nachdem alle bezahlt haben („Geld sammle ich immer vorher ein, denn ich weiß ja nicht, ob alle Föhr erreichen“) geht es aus Norddorf raus hoch zur Amrumer Odde. Die Skinny-Jeans-Frau geht hinter uns her und sagt zu ihrer Freundin, ebenfalls in langer Hose, aber immerhin hochkrempelbar („Guck dir diese Naturmädels an: kurze Hose, Turnschuhe, Rucksack, ick find das ja echt urig! Und die Familie da vorn is gleich janz barfuß, voll krass.“). Ich gucke irritiert an meinem Windjacken-Badeshorts-Turnschuh-Outfit runter und fühle mich, als wäre ich unterwegs zur großen Wattwanderung. Auf dem Schotterweg hinter dem Toilettenhäuschen tränen den Barfußläuferkindern plötzlich die Augen, die ganze Familie drängt sich verkrampft im Gänsemarsch auf dem schmalen Grasstreifen am Rand hintereinander und der Barfußpapa schimpft, dass man ja bei der zu zahlenden Kurtaxe doch wenigstens erwarten könne, dass vernünftige, asphaltierte Wege vorhanden seien.

Dann erreichen wir den Bohlenweg, an dessen Ende sich für die entgegen gesetzt wandernden Wattläufer Fußduschen befinden, und genau dort ziehen nun die meisten dem Beispiel des Wattführers folgend die Schuhe aus. Etwa 4 Personen behalten Gummistiefel oder Gummi-Riemensandalen an. Die Schuhe kommen in den Rucksack – außer bei den Hauptstadt-Ladies, da passen die todschicken Keilpumps irgendwie nicht recht in die modischen Handtaschen. Wir betreten das Watt – eigentlich ein Moment zum Genießen – die Teenager kreischen („Ihhhgitt!“ „Boah Alter ist das fett eklig!“ „Warum müssen wir eigentlich so’n Scheiß machen, anstatt am Strand abzuchillen?“ „Können wir nicht wie normale Leute an die Ostsee fahren, da gibt’s diese Dreckpampe nicht!“ „Alter, wenn ich das meinen Alten erzähle, wollen die ihre Kohle zurück!“ „Das ruiniert mir ja den ganzen Nagellack, wie beschissen sehen denn davon die Füße aus?“). Ich habe ja vollstes Verständnis für die Gefühlschaoswelt mit dem undefinierbaren schwankenden Hormonstatus und der Nullbockmentalität von Pubertierenden, ich war ja auch mal irgendwann in dem Stadium, aber warum müssen diese Jugendgruppenleiter eigentlich 20 unwillige Teenager ins Watt laufen lassen und uns anderen das pausenlose Gejammer aufdrücken? Jammern und mit den Zähnen klappern tun inzwischen auch die windjackenlosen Kinder, denn langsam verlassen wir den Schutz der Dünen und der salzige Nordseewind zerrt an uns. „Gesunde Aerosole“ erklärt der Wattführer die wohltuende Luft, die Bronchien atmen auf, die Füße ertasten den von Wind, Wellen, Wattwürmern und Watvögeln strukturierten Meeresboden, freuen sich über Reflexzonenmassage, Peeling und Hautpflege, die Seele baumelt – nur kurz, denn eine etwa 14-Jährige schreit „Diese Aero-Dinger können mich am Arsch lecken, ich will shoppen oder chillen. Scheißinsel!“. Betroffenheit macht sich breit. Der Jugendgruppenleiter hat einen Motivationsschub und vergrößert rasch seinen Abstand zur Jugendgruppe. Und dann erreichen wir den Priel…

Den groooßen Priel vor Amrums Nordspitze sollte man nur exakt beim tiefsten Wasserstand durchqueren. Je nach Windrichtung, individueller Körpergröße und Gleichgewichtsverlust beim Ankämpfen gegen die seitliche Strömung schwappt das Wasser bei erwachsenen Menschen dann bis irgendwo zu den Oberschenkeln oder auch gerne bis zu Hüfte hoch. Das steht sowohl auf den Werbe-Flyern und Plakaten, Rainhard sagt es nochmal deutlich am Treffpunkt und auch auf allen Internetseiten über Amrum und das Wattlaufen wird diese Tatsache nicht verheimlicht. Frau Skinny-Jeans reagiert angesichts des Priels mit „Ick dachte, dat wär so’n Ostfriesenwitz, oder so! Spinnen die hier völlig, Jeld dafür zu kassieren, dass man wie Lemminge ’nem Typen in Badeshorts hinterherläuft und ersäuft oder sich mindestens eene Blasenentzündung wechholt?“ Mir bleibt der Mund offen stehen. Ihre Freundin überredet sie schließlich, das Abenteuer mitzumachen. Also wird mit wattbeschmierten Füßen die hautenge Skinny-Jeans runtergequält. Das Gesicht der Lady ist zur Faust geballt. Sie steigt in Unterhose in den Priel, ausgestreckte Arme zu beiden Seiten, rechts die Keilpumps, links die zu einem engen Päckchen zusammengerollte Jeans, als es tiefer wird folgt eine kurze hektische Debatte mit der Freundin, die ihr den Handtaschenriemen zwischen die Zähne klemmt, damit das edle Stück nicht in den Fluten baumelt. Ich kann es mir nicht verkneifen, sie mit ausholenden Schritten ein paar Wellen provozierend zu überholen und lautstark mit Mama zu jubeln, wie schön Nordfriesland ist und wie erfrischend dieser Priel.

Viele Kinder wollen lieber schwimmen als getragen zu werden und auch einige Erwachsene halten sich nicht lange damit auf, mit beiden Beinen auf dem Meeresboden zu bleiben. Rucksäcke werden auf nach oben gestreckten Armen balanciert, überall Gelächter, teils erschrecktes Quietschen, wenn das Wasser höher schwappt, wildfremde Menschen reichen sich die Hände. Auch Mama und ich lassen uns an tiefster Stelle nicht mehr los. Auf der anderen Seite angekommen, helfen wir uns gegenseitig dabei, beim Ausziehen der nassen Badeshorts, beim Abtrocknen und beim Anziehen einer kurzen Hose das Gleichgewicht zu behalten. Die Teenager kreischen, zeigen mit den Fingern auf die vielen halbnackten oder gar nackten Menschen, die alle dasselbe tun wie wir, genieren sich und gehen lieber in nassen Badehosen weiter. Die Lippen der windjackenlosen Kinder sind blau, aber immerhin werden sie von den Eltern liebevoll trockengerubbelt und in trockene Klamotten gesteckt. Die Berliner Lady zieht den nassen Schlüpper aus und steigt mit Todesverachtung in eine Shorts, die ihre Freundin aus der Tasche zaubert. Die Freundin selbst hatte dank endlos langer Beine Glück: Ihre im Priel bis zum Anschlag hochgezerrte Boyfriend-Jeans ist fast trocken geblieben.

Nach dieser Aufregung geht es auch schon weiter („Die Fluuut kommt!“). Ich halte mich ein wenig seitlich der Gruppe auf der Suche nach Wellhornschnecken oder ausgefallenen Wattfunden, die in die mitgebrachte Tüte wandern. Der Wattführer lehrt uns die wichtigste Überlebensregel („Augen auf beim Wattenlauf!), die sich sowohl auf scharfkantige Objekte unter uns, auf den Horizont bzw. das Ziel vor uns als auch auf das Wetter über uns bezieht. Ab und an bleibe ich stehen, genieße die Luft, das wohltuende Gefühl an den Füßen und lasse den Blick zwischen den drei Inseln hin und her schweifen. Plötzlich ertönt es kläglich hinter mir: „Sie da, könnten Sie bitte bitte warten?“ Ich drehe mich um und sehe einen der vorhin noch so coolen Teenager an einen anderen geklammert auf Zehenspitzen Schmerzlaute ausstoßend im Schneckentempo das Watt durchqueren. Naja, eigentlich geht es gerade gar nicht voran, weil der Typ den Fuß immer sofort bei Bodenkontakt aufstöhnend zurückzieht. Die Ersthelferin in mir malt sich sofort eine tiefe Schnittwunde aus, vielleicht von einer senkrecht stehenden Sandklaffmuschel oder einer Auster verursacht, ich eile zurück und fühle reflexartig am Handgelenk nach dem Puls des Jungen um abzuschätzen, ob der gleich geschockt der Länge nach ins Watt kracht. Der Klammerer wimmert, der Umklammerte verdreht völlig entnervt die Augen und erklärt mir die peinliche Situation („Er kann nicht weitergehen weil ihm das angeblich so wehtut an den Füßen. Können Sie bitte bei ihm bleiben, während ich unseren Betreuer hole?“). Es gibt gar keine Schnittwunde, sondern nur zwei turnschuhverwöhnte Jammerlappenfüße. Na großartig! Der nun vom Klammergriff befreite eilt aufatmend der Gruppe hinterher und ich sehe ihn mit anderen Halbstarken fröhlich lachen und schadenfroh auf den armen Tropf an meinem Arm zeigen. Letzterer wimmert mir ins Ohr, klagt bei jedem Schritt „autsch“, „aua“ oder „ahhh“, während ich versuche, ihn durch möglichst weichen Untergrund ohne allzu viele Schalensplitter zu lotsen. Ich empfehle ihm, auf die Wattwurmhaufen zu treten, weil das nur Sand ist, aber das findet er ekelig. Ich biete an vorweg zu gehen, damit er in meine Fußstapfen treten kann, aber er will partout meinen Arm nicht loslassen. So langsam dünnt mein Geduldsfaden aus, leicht gereizt frage ich ihn, ob er vielleicht mal an was anderes denken möchte, als an scharfe Muschelscherben. Ich erkläre ihm, dass sich das eigene Schmerzempfinden durch Gedanken recht gut steuern lässt und dass er sich durch sein Jammern gerade in einem hypersensiblen Zustand hält. Logischerweise versteht er das alles nicht. Als der Geduldsfaden endlich aufribbelt, werde ich aggressiv und frage ihn, ob er auf ewig als Weichei ausgelacht werden will. Ob ihm keiner beigebracht habe, dass es erst was zu Jammern gibt im Leben, wenn man kurz vorm Verdursten ist. Ob er sich des Privilegs nicht bewusst sei, auf Amrum die Ferien verbringen und das Weltnaturerbe Wattenmeer erleben zu dürfen. Ob er vorhabe, nichts im Leben erfolgreich zu Ende zu bringen, wenn er schon bei einer 4-stündigen Wattwanderung ans Aufgeben denken würde. Hätte ich bloß die 4 Stunden nicht erwähnt! Seine Augen glänzen randvoll und die Unterlippe zittert. Zum Glück kommt da endlich dieser Jugendgruppenleiter und ich mache mich schleunigst aus dem Staub. Die restlichen drei Stunden genießen Mama und ich den Marsch, lauschen den Erzählungen unseres Wattführers und halten uns etwas abseits von der inhomogenen Menschenmenge. Genug Anthropologie für einen Tag. Okay, einmal lachen müssen wir noch, als die Gummischuh-Fraktion stecken bleibt, die bloßen Füße aus dem Gummigeklebe lösen, die Schuhe mit einem satten Schmatzen dem klammernden Wattboden entreißen und fluchend die wattbeschmierten Treter im Rucksack verstauen muss.

Nachdem wir den Deich bei Dunsum auf Föhr erklommen, unsere Füße wieder in den Turnschuhen verstaut und uns selbst in den wartenden Bus gequetscht haben, lassen uns unsere Mitwanderer ihren Abbau von Adrenalin und die Ausschüttung von Endorphinen miterleben. Die Teenager sind wahnsinnig stolz und prahlen mit der Heldentat, das Wattenmeer bezwungen zu haben. Das klammernde, fußkranke Weichei hat tatsächlich die schönste Wellhornschnecke von allen gefunden und erzählt von der Wanderung, als wäre es ein Klacks gewesen. Ich fixiere ihn, er wird kurz ganz still, weicht meinem Blick aus, kriegt rote Ohren, aber prahlt kurz darauf weiter. Der Jugendgruppenleiter macht selig Augen und Ohren zu und hat offensichtlich in der Gewissheit, die Rasselbande glücklich und müde gemacht zu haben, Motivation für ein weiteres Jahr Jugendarbeit getankt. Die windjackenlosen Kinder tauen auf und plappern quietschlebendig auf ihre Eltern ein und hinter mir quakt Frau Skinny-Jeans ultra-unaufgeregt in ihr Handy, dass sie gerade ein echtes Naturabenteuer mitgemacht habe („Jehört ja schon irgendwie zum Nordseeurlaub dazu.“).

Der Bus bringt uns quer über die grüne Insel nach Wyk, wo wir noch eine Buttermilch in der Milchbar genießen und auf der Strandpromenade Leute gucken. Dann geht es mit der Fähre zurück zur schöneren Insel. Noch ein leckeres Fischgericht, alkoholfreies Erdinger, Telefonat mit Dirk, eine lauwarme Dusche, ausgiebiges Füße-Eincremen, 2-3 Seiten Amrumkrimi und einschlafen. Was für ein genialer Tag!