Vancouver in a nutshell

Dienstreise nach Vancouver – diese drei Wörter von meinem Chef riefen bei mir zunächst eine mittelschwere Panikattacke hervor. Selbstverständlich leuchtete mir die Wichtigkeit dieser Reise für das aktuelle Projekt völlig ein, dennoch überlegte ich zunächst, wie ich mich drum herum argumentieren könnte. Langstreckenflüge hatte ich bislang so dermaßen gekonnt abgeblockt, dass meine lieben Ex-Kollegen am Institut auf meinem Doktorhut eine Weltkarte platzierten, auf der nur Europa bunt war – der Rest der Welt war für mich ausgegraut. Ich habe erst gar keine Veröffentlichung eingereicht, wenn eine Konferenz weiter als vier Flugstunden entfernt war, oder einfach meine dankbaren Co-Autoren hingeschickt. Mein Doktorvater hat mich manchmal angeguckt, als wäre ich nicht bei Trost, aber das war mir damals herzlich egal, solange meine Promotion nicht gefährdet war.

Mein jetziger Job, mein Chef und das aktuelle Projekt sind mir nun wirklich nicht egal, im Gegenteil, ich bezeichne meinen Broterwerb zu 90% aller Werktage als Traumjob. Aber dafür vierzehn Stunden Reisezeit mit fast elf Stunden Non-stop-Flug zur Westküste Kanadas mitmachen? Und für die Dauer der Dienstreise auf meinen durchorganisierten Alltag mit täglicher Ödem-Entstauungsbehandlung in meiner heißgeliebten Lympha Press sowie Lipödem-verträglicher sportlicher Betätigung verzichten? Dazu noch die Aussicht auf im Handwaschbecken gewaschene Kompressionsstrumpfhosen (bäh!). Seit ich nach langem Kampf mit der Krankenkasse das Therapiegerät besitze, habe ich maximal für zwei Tage Kurzurlaub oder Dienstreise darauf verzichtet. Ansonsten kommt das Gerät überall mit hin und Hotelzimmer werden u.a. danach ausgesucht, ob rechts neben meinem Bett genug Platz dafür ist. In Kanada passen weder Spannungslage noch Netzfrequenz zum Kompressor, so dass eine Beantragung eines kanadageeigneten Leihgerätes hätte erfolgen müssen. Spätestens als ich bei meinen Recherchen auf die Transport- und Einfuhrgenehmigung für medizinische Geräte stieß, beschloss ich, dass sich das alles finanziell (für Krankenkasse einerseits und Arbeitgeber andererseits) nur für einen mehrmonatigen Aufenthalt lohnt.

Schließlich entschloss ich mich nach Rücksprache mit meinem Arzt dazu, meinem Chef vorzuschlagen, für maximal zehn Tage zu fliegen. Außerdem bekam ich die ärztliche Anweisung, mich möglichst viel zu bewegen, damit mein Lymphsystem in Gang bleibt. In der Business Class stellte ich dann begeistert fest, dass ich die Beine dort sogar hochlagern kann. Meinen Bewegungsdrang habe ich in den Pausenzeiten der Flugbegleiter ausgetobt. Wenn die sich alle zum Essen hinsetzen, gibt es im Flugbegleiterbereich genug Platz für ausgiebige Gymnastik. Die gucken auch nur beim ersten Mal komisch und finden das letztendlich dann doch besser, als wenn ich Runden durch die schlafenden oder fernsehguckenden Reihen drehe wie eine Löwin im Käfig. Im Hotel gab es die Schwierigkeit, dass sich das Waschbecken nicht abdichten ließ und ich die Strumpfhose abends mit beiden Händen ins heiße Wasser gepresst einweichen durfte. Schlussendlich taten mir ab Tag fünf die Beine zunehmend weh und ich brauchte nach meiner Rückkehr zwei Tage, bis sich alles wieder so anfühlte, wie vorher. Aber da mich zeitgleich sowieso der Rückflug-Jetlag voll im Griff hatte, konnte ich Kompressionstherapie mit Schlafen verbinden und mich rundum regenerieren. Insgesamt bin ich sehr glücklich über die Entscheidung zu fliegen – sowohl beruflich als auch wegen meiner im Folgenden zusammengefassten privaten Erlebnisse:

Freitag nach Feierabend:
Panorama Classic Tour mit einem Wasserflugzeug (Seaplane Tours, harbourairgroup.com): 30-minütiger Rundflug mit spektakulärem Start von Coal Harbour in nördliche Richtung entlang der Berge oberhalb North Vancouver, ein Stück weiter die Küste hoch, im Rundflug an Vancouver Islands Ostküste entlang und zwischen Flughafen und Downtown zurück im Bogen zum Coal Harbour. Ein Mitpassagier fragte mich anschließend noch charmant, ob ich die Nacht mit ihm verbringen wolle, aber das konnte ich erfolgreich mit Hinweis auf ein Skype-Date mit meinem Liebsten abwenden. Vorm Skypen war ich noch mit Kollegen im „Rogue“ Nähe Waterfront Station Burger essen. Ganz nett, aber den besten Burger meiner Reise und sogar meines bisherigen Lebens habe ich im „Local Public Eatery“ (localpubliceatery.com, Nähe Kitsilano Beach) verspeist. Tipp: Deluxe Burger mit Yam Fries (Süßkartoffel-Pommes).

Samstag:
Vancouver und ich waren meinen derzeit für mindestens drei Jahre in Portland lebenden Freunden eine Reise nach Norden wert. Die beiden haben mich morgens am Hotel abgeholt, wir waren erst frühstücken, haben dann vom Auto aus Chinatown bestaunt und sind zu Fuß durch Gastown zur berühmten Dampfuhr geschlendert. Anschließend haben wir uns downtown in der Denman Street (stanleyparkcycle.com) Fahrräder ausgeliehen und sind auf dem Seawall rund um Stanley Park geradelt. Wichtig hierbei: Der Seawall darf nur in eine Richtung befahren werden – von der Nordseite am Burrard Inlet, an dem Platz der Totem Poles vorbei, unter der Lions Gate Bridge durch bis runter zur Südseite an der English Bay entlang. Ab Beginn Downtown darf wieder in beide Richtungen geradelt werden. Im Stanley Park haben wir einen Abstecher rein zum mit Seerosen überwucherten Beaver Lake gemacht und Libellen beobachtet. Für eine Rast sehr zu empfehlen ist das Teahouse im Park (vancouverdine.com/teahouse). Ein leckerer Mittagssnack hier ist der Cesar salad mit gebratenem Lachs, dazu ungesüßter Eistee mit Zitrone. Nachdem wir am Ende unserer Tour genug davon hatten, an der Südseite Downtowns gegenüber von Granville Island Yachten und Standing Paddler zu beobachten, haben wir die Räder zurückgebracht und uns mit dem Auto noch die Gegend zwischen Kitsilano Beach und University of British Columbia angeschaut. Zum Abendessen sind wir nach North Vancouver zum Pier7 (pierseven.ca) gefahren. Dort gibt es nicht nur fantastische Fischgerichte und leckere Austern, sondern auch einen traumhaften Blick über den Burrard Inlet rüber nach Downtown: Rot glühende Wolkenkratzer in der untergehenden Sonne und danach Skyline im nächtlichen Lichterglanz.

Sonntag:
Ein weiteres Frühstück mit meinen Freunden im Bellagio Cafe (Convention Location, bellaggiocafe.com) – sehr lecker ist hier der French Toast, der mit gebratener Banane und leichtem Maple Syrup (Ahornsirup) serviert wird. Dazu hatte ich Cafe Latte und ein Glas kalte Milch. Letzteres tauchte auf der Rechnung als „Kids Pop“ auf, niedlich! Nach einem tränenreichen Abschied bin ich dann alleine weiter gezogen. Am Canada Place nahm ich ein Free Shuttle (fährt alle 15 min) zum Capilano Suspension Bridge Park (capbridge.com). Neben der berühmten Hängebrücke gibt es dort einen Treetops path und einen Cliffwalk. Schön finde ich, dass der Lebensraum Regenwald mit vielen Schautafeln erklärt wird und das Erleben und Schützen der Natur im Vordergrund stehen. Abends waren die Kollegen und ich zum Barbecue eingeladen, wo wir beschlossen, am kommenden Abend gemeinsam Sushi essen zu gehen.

Montag nach Feierabend:
Zunächst bin ich mit dem Skytrain zur Waterfront Station gefahren, um dann einen flotten Fußmarsch (Bewegungsdrang nach stundenlangen Meetings) quer durch Downtown bis zum Bootsanleger Yaletown zu machen. Dort nahm ich eine alle paar Minuten ablegende False Creek Ferry, ein kleines Wassertaxi, das im Zickzackkurs abwechselnd an den Uferseiten der English Bay anlegt. BTW: Die Anlegestelle an der Granville Island liegt direkt am Restaurant Bridges (bridgesrestaurant.com), wo es einen tollen Lachsburger und richtig gutes Eis gibt. Aber zurück zum Montagabend, an dem es bis rauf zur Ferry-Endstation am Vanier Park und von dort zu Fuß zum Kitsilano Beach ging. Hier war ich mit den Kollegen zum Sushi-Essen verabredet. Wir landeten im Kibune Sushi (kibune.com) und waren restlos begeistert. Sogar der grüne Tee war köstlich, und da bin ich sonst nicht so für zu haben.

Falls mein Chef nochmals die drei Eingangsworte benutzen sollte, erspare ich mir die Panikattacke. Froh bin ich nur über die geniale Erfindung Skype, die das Heimweh zumindest etwas in Schach hält.