Sprühzeugs und Duschgeltests

Ein regnerischer Mittwochabend im September kurz nach 20 Uhr, ich komme nassgeschwitzt, ausgepowert und superglücklich aus dem Bodycombat-Kurs in die Damenumkleide, freue mich auf Dusche, Abendessen und ein-zwei Folgen Vampire Diaries. Zuerst muss ich mir aber die Kompressionsstrumpfhose vom Leib quälen, dauert nur drei Minuten – fix und alle von dieser Prozedur hole ich anschließend ganz tief Luft… Leider habe ich das drohende Pfffff eine viertel Sekunde zuvor nicht so recht wahrgenommen. In eine Chemiewolke genebelt, die sich mit klebrigem Kokosduft in meine Bronchien frisst, gehe ich hustend neben meinem Schrank in die Knie. Die Sportkameradin mit dem Sprühdeo guckt mich mitleidig an: „Oh, da hat sich aber jemand verschluckt!“ Ich schnappe nach Luft und keuche: „Nee, ich habe dein Deo eingeatmet.“ Ihr Blick wird erst eisig, dann spöttisch: „Man kann sich aber auch anstellen…!“
Unsere Umkleide besitzt kein einziges Fenster, das einzige was sich außer der Eingangstür öffnen lässt sind die von nassen Schuhen, Jacken und Regenschirmen miefigen Schränke, die Toilettentür, wo es ebenfalls nicht lecker rausweht, und die Dusch- sowie Saunatüren, aus denen Wasserdampf herauswabert. Ansonsten gibt es noch eine Menge offener Sporttaschen, Turnschuhe und verschwitzte Frauen. Worauf ich hinaus will: Die Luft in diesem Raum ist exakt so atembar, dass man für die Umziehzeit am Leben bleibt. Bis so eine Nebelkrähe kommt und mit der größten Selbstverständlichkeit zu Sprühdeo, Haarspray oder irgendeinem anderen sprühbaren Drogerieartikel greift.

Ein paar Tage später will ich mal nachgucken, was ich da allabendlich einatmen muss und stehe bei Rossmann am Deoregal. Butane, Isobutane, Propane (ach, deswegen werden fossile Energieträger knapp),… und was danach folgt klingt so ähnlich wie der Chemiecocktail in meinem Rexona-Deoroller. Versteht man wahrscheinlich nur als promovierter Chemiker. Ist das alles in die Lunge inhaliert letztendlich schädlicher, als es direkt auf die Haut zu schmieren? Keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich von dem Sprühzeugs husten muss und meine Luftröhre brennt. Da fällt mein Blick auf die Warnhinweise auf der Sprühflasche: Eine noch längere Liste als die Inhaltsstoffe. Und da steht doch tatsächlich neben vielen anderen unschönen Dingen: Nur in gut belüfteten Bereichen verwenden. Und auch: Nicht einatmen, nicht in die Augen sprühen. Sicherlich sprüht mir keine Frau in der Umkleide direkt ins Gesicht, aber der Sprühnebel verteilt sich ja immer seitlich an der besprühten Achsel vorbei. Wenn man da nun gerade steht oder langgeht, muss man laut Warnhinweis also die Luft anhalten und die Augen zukneifen. Woher sollte ich als Deoroller-Benutzerin das denn wissen? Also müssen die Nebelkrähen mich und alle anderen Anwesenden vorm Sprühen doch entsprechend warnen und instruieren, denn die kaufen schließlich dieses Zeug mit der langen Warnhinweisliste und verwenden das dann einfach in der unbelüfteten Umkleide. Frechheit! Mich hat noch keine Frau jemals vorgewarnt. Da das Zeug auch noch hochgradig entflammbar ist, bekomme ich große Lust, mir ein Feuerzeug in die Sporttasche zu packen. Mal gucken, ob Panik ausbricht, wenn ich das raushole. Oder benutzen die dieses Zeug tatsächlich, ohne die Warnhinweise durchzulesen…?

Mir fällt wieder die Diskussion um die auch in meinem Deoroller enthaltenen Aluminiumsalze als möglicher Brustkrebsauslöser ein. Vielleicht sollte ich doch mal bei Naturkosmetik nach einem weniger chemischen Deoroller für mich suchen? Bevor ich zur Tat schreiten kann, werde ich von einer wiederkehrenden Geräuschabfolge abgelenkt: „Klack. Schnüffel. Klack. Schnaub.“ Eine Frau öffnet nacheinander das gesamte Duschgelsortiment und schnuppert sich durch. Da keine Duschgele mit „Tester“-Aufkleber rumstehen, geht es wohl nicht anders. Ich persönlich frage immer nach, bevor ich Packungen öffne, schließlich ist das ziemlich unfair den nachfolgenden Käufern gegenüber. Andererseits ist Duschgel nach Öffnen der Packung noch ganze 12 Monate haltbar. Eklig finde ich, dass die Frau offensichtlich erkältet ist, ständig ausschnaubt und ihre Rotzfahne in der linken Hand hält, mit der sie gleichzeitig die ganzen Flaschen öffnet. Bäh, nie unterwegs ins Gesicht fassen und immer schön die Hände waschen! Die Frau drückt plötzlich zu heftig auf eine Packung und ein Duschgelklecks schwappt an ihre verrotzte Nase. Durch geschicktes Pressen der Flasche erzeugt sie einen Unterdruck und der Klacks wird samt Viren wieder in die Flasche gesogen. Die Frau wischt sich den Restgelklecks von der Nase, schnuppert begeistert am Finger und entscheidet sich für dieses Duschgel. Sie nimmt aber nicht die Flasche, an der sie getestet hat, sondern angelt sich zielstrebig eine von ganz hinten und eilt damit zur Kasse. Ich starre ihr mit offenem Mund hinterher. Leben und leben lassen? Zivilcourage? Ich bin sowieso noch von der Sprühdeo-Entdeckung ziemlich geladen, also rufe ich: „Entschuldigung, wollen Sie nicht vielleicht ihre Testflasche kaufen, damit sich niemand anderes mit Ihrer Virenpampe einseifen muss?“ Sie fragt mich schnippisch, ob ich keine eigenen Probleme hätte und geht einfach weiter. Also suche ich eine Verkäuferin, schildere das Gesehene, nenne auch das betreffende Duschgel mit Namen und kriege die lapidare Antwort: „Ach, wenn Sie wüssten, was ich hier jeden Tag zu sehen und zu hören kriege.“ Ob sie das Duschgel dann noch entsorgt hat, weiß ich nicht. Ob ich je wieder unbefangen Duschgel kaufen kann, weiß ich auch nicht. Und was ich künftig im Sportstudio mache, wenn eine Sportkameradin zu Sprühzeugs greift, weiß ich auch noch nicht. Meinen Bronchien geht es nach unserem soeben beendeten Nordseeurlaub gerade prächtig und der Pollenflug ist endlich vorbei – jetzt eine klebrige Chemie-Dröhnung übertüncht mit Kokos-, Pfirsich- oder „Frische“duft, die in den Atemwegen brennt? Tolle Aussichten. Gut, dass der Sport so viele Endorphine freisetzt! Sonst zünde ich wirklich demnächst ein Feuerzeug 😉

2 Gedanken zu „Sprühzeugs und Duschgeltests

  1. Dirk

    Maren, die Läden in der City sind nur noch Showrooms, kaufen musst Du Deine Sachen natürlich im Internet. Zumindest ist so die Gefahr geringer, dass jemand einen Teil des Duschgels gegen frische Viren Güteklasse A ausgetauscht hat.

  2. Maren Ramona Beitragsautor

    Naturkosmetik-Deoroller gehen garnicht: Habe zwei ausprobiert und jeden Tag ab mittags kleinlaut darauf gewartet, dass mich irgendein Kollege anraunzt oder dass man mir kommentarlos ein Deo auf den Schreibtisch stellt. Aber ich war doch erfolgreich: Die Firma wirbt mit dem Slogan „An meine Haut lasse ich nur Wasser und…“. Toller Duft (angeblich Wasserlilie) und nicht nur ohne Aluminium, sondern auch ohne Mineralöle, Silikone, Parabene, Farbstoffe und tierische Inhalte, sowie ohne Tierversuche entwickelt. Das steht da wortwörtlich so drauf. Habe erstmal alles durchgelesen, was so bei uns im Badezimmer rumsteht. Anschließend war mir schlecht. Mein Shampoo habe ich schon ersetzt durch eines der DM-Naturkosmetik-Eigenmarke (ohne Silikone und Mineralöle). Ich frage mich, was die Kläranlagen mit den ganzen gelösten Silikonen und so weiter machen, die wir beim Duschen in den Abfluss spülen?

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