Entspannung für eine Ingenieurin

Jahresanfang – das Fitnessstudio ist brechend voll mit Menschen, die irgendeinen guten Vorsatz verfolgen, der mit mehr bewegen, abnehmen, was für die Gesundheit tun, Freunde finden, weniger fernsehgucken oder ähnlichem zu tun hat. Spätestens Mitte Februar ist der Spuk wieder vorbei, aber solange ist überpünktlicher Feierabend angesagt, um einen Platz im gewünschten Kurs zu ergattern. Donnerstags ist Power-Yoga-Kurs – die Matten liegen dicht an dicht, die Menschen darauf versuchen sich durch leicht versetzte Positionierung nicht ins Gehege bzw. in die verrenkten Gliedmaße zu geraten, die Luft ist irgendwie auch nicht so toll wie mit halb so vielen Leuten im Raum. Macht trotzdem Spaß und am Ende bin ich sehr zufrieden mit meinem Fortschritt bei der „Schildkröte“. Nun kommt noch 10 min Entspannung, bisher hat die Trainerin dabei eine Reise durch den Körper mit bewusstem „Loslassen“ des soeben ins Visier genommenen Körperteils gemacht. Nee, mal was Neues: „Stell dir vor, du liegst unter dem Sternenhimmel…“ Ich muss sofort an eine romantische Nacht in Meido denken. Meido heißt Meißendorf, liegt in der Südheide und dort haben Dirk und ich unsere Fallschirmsprungausbildung gemacht. Wir liegen also nachts im kurzen Gras auf der Landebahn und starren hoch in die Milchstraße, die sich als funkelndes Band über den tiefschwarzen Himmel zieht. Schön. Ich bin entspannt. Die Trainerin sagt: „…der Himmel ist nachtblau…“ Irritiert versuche ich, tiefschwarz in nachtblau umzufärben, dosiere aber ständig zu viel Helligkeit dazu. Endlich bin ich zufrieden. „…du betrachtest die Mondsichel…“ Huch, wo soll ich die denn jetzt herzaubern? In Windeseile lasse ich den Mond aufgehen, überlege kurz wie rum wir liegen und wo folglich Westen ist und endlich sieht es realistisch aus für Uhr- und Jahreszeit. Jetzt klappt das mit dem Nachtblau auch deutlich besser, dafür ist die Milchstraße verblasst. Trotzdem schön. „An der Mondsichel hängt eine silberne Schaukel…“. Erschreckt reiße ich die Augen auf – wie albern ist das denn? Egal, da muss ich jetzt durch. Mühsam knote ich eine silberne Schaukel an der Sichel fest. „…du sitzt auf der Schaukel und betrachtest die Sterne…“. Hmpf. Okay, Dirk wird ins Zelt verfrachtet, die Schaukel bekommt eine breitere und stabilere Sitzfläche und zur sichereren Befestigung bemühe ich jetzt doch lieber die Schraube-Mutter-Methode statt des Knotens. Akkuschrauber wieder wegräumen und endlich: Ich sitze da oben halbwegs entspannt. „Du schaukelst hin und her…“ Okay, dass macht Spaß, ich liebe schaukeln! Ich komme an keinem Kinderspielplatz vorbei, ohne… „…im Rhythmus deines Atems.“ Moment mal, mein Atem ist super langsam (Bauchatmung!), schließlich bin ich tiefenentspannt. Für diese langsame Schaukelfrequenz ist die Schaukel überhaupt nicht lang genug. Mühsam bremse ich mein rasantes Geschaukel ab und lasse die Schaukel gedanklich länger werden. Leider habe ich einen so langsamen Atem, dass ich mit den Füßen unten auf den Boden stoße, bevor die Pendellänge passt. Geht garnicht. Also lasse ich den Mond höher steigen. Und endlich funktioniert die Schaukelei. Nach 4x hin- und herschaukeln mit einem herrlichen Schwerelosgefühl in den Umkehrpunkten ist die Stunde vorbei und ich werde in die Realität zurückkatapultiert: Schlangestehen in der Dusche. Während ich warte, fasse ich einen rebellischen Beschluss: Nächstes Mal höre ich einfach nicht zu! Oder ich bitte die Trainerin, die ganze Szene gleich zu Beginn präzise zu beschreiben und nicht kleckerweise mit wichtigen Details um die Ecke zu kommen.

Ein Gedanke zu „Entspannung für eine Ingenieurin

  1. Kai

    Ja, das ist schon blöd mit den Physikern und der Fantasie …
    Nichts spontan und die Astronomie sowie die Gesetze wie Gravitation, Pendelänge und Frequenz müssen schon passen bevor es erst so richtig Spaß machen kann 😉

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