Mal schnell impfen lassen…

Seit einiger Zeit wird ja vermehrt in den Medien darauf hingewiesen, dass die Masern in Deutschland nicht ausrottbar sind, weil die „mittleren Jahrgänge“ nur eine Grundimmunisierung gegen Masern bekommen haben. Die zweite Impfung wurde erst später eingeführt und dummerweise wurde jahrelang vergessen, uns „Ältere“ darauf hinzuweisen, dass ein zweiter Picks sinnvoll wäre. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat nach meinen Recherchen 2010 eine entsprechende Empfehlung herausgegeben. Ich selbst habe davon allerdings das erste Mal überhaupt 2014 etwas gehört und das, obwohl ich einmal im Jahr zur Grippeschutzimpfung gehe und mir zweimal im Jahr Überweisungen vom Hausarzt für meinen Lipödem-Facharzt abhole. In Arztpraxen und Apotheken hängt nirgendwo ein Hinweis zu dem Thema. Und dann hörte ich 2014 auf NDR-Info ein Interview, wo in nörgelndem Tonfall den mittleren Jahrgängen Ignoranz und Beratungsresistenz vorgeworfen wurde. Na, ich war begeistert… Da ich ungern mit über 30 eine Kinderkrankheit bekommen möchte, entschloss ich mich sofort, mich „mal eben schnell“ nachimpfen zu lassen. Leichter gesagt als getan…

In meiner Hausarztpraxis bekam ich morgens um 7:50 Uhr nach 20 min Wartezeit, in der mein Impfpass kontrolliert wurde, ein blaues Rezept für eine Masern-Mumps-Röteln-Impfdosis und die Ankündigung, dass, nachdem ich den Impfstoff selbst aus der Apotheke hergebracht hätte, noch eine Gebühr für den Picks fällig wäre. Ich fragte, wieso dieser Impfstoff nicht vorrätig wäre. Das würde zu häufig ablaufen mangels Nachfrage, sowas würden sich eher Kinderarztpraxen in den Kühlschrank legen. Ich fragte, wieso ich als gesetzlich Versicherte ein Privatrezept bekommen würde. Das sei halt so. Ich sagte, dass diese Impfung ja nicht zu den privaten Vergnügungen zählt, wie die Pille oder eine Reiseimpfung, sondern dass die STIKO das Impfen empfiehlt, um diese Krankheit in Deutschland ausrotten zu können. Leicht ungeduldig sagte mir die Sprechstundenhilfe, dass ich die Quittungen von Apotheke und Praxis dann halt bei der Kasse einreichen müsse; das sei halt so. Also ging ich zu der Apotheke, die am schnellsten von der Praxis aus zu erreichen ist. Diese Apotheke öffnet um 8 Uhr. Auch dort gab es den Impfstoff nicht vorrätig. Ich fragte, ob es möglich wäre, das Zeug eine Woche später um Punkt 8 Uhr abzuholen, um mich um 8:05 Uhr in der Praxis picksen lassen zu können, um ansatzweise pünktlich innerhalb meines Gleitzeitrahmens um 9 Uhr im Büro sein zu können. Das wäre kein Problem, bei Abholung wären dann 38,85 Euro fällig. Ich ging zurück zur Arztpraxis und fragte an, ob man mich dort eine Woche später um Punkt 8:05 Uhr picksen könne, damit ich pünktlich zur Arbeit käme. Die Sprechstundenhilfe fragte irritiert, warum die Apotheke das Zeug nicht einfach in die Praxis liefern würde, dann könnte ich bereits um 7:30 Uhr gepickst werden. Erbost rannte ich zurück zur Apotheke und fragte nach, warum man mir nicht angeboten hätte, das Zeug in die Praxis zu liefern. Danach hätte ich ja nicht gefragt. Ich verlangte das Rezept zurück, da ich in so einer Servicewüste bestimmt kein Geld lasse und fuhr entnervt zur Arbeit. Den Samstag danach ging ich in eine andere Apotheke und fragte nach, ob die das Zeug direkt in die Praxis liefern lassen würden. Das wurde bejaht, ich zückte mein Portemonnaie und fiel fast nach hinten um, als ich 59,95 Euro bezahlen sollte. Ich fragte nach, ob die Lieferung in die Praxis so viel kosten würde. Nein, das sei kostenfrei, der Impfstoff sei so teuer. Ich fragte, warum das Zeug gleich ganze 20 Euro teurer wäre, als bei Apotheke XY. Das sei halt so, Apotheken seien preisautark. Ich fragte, ob meine Krankenkasse dann überhaupt den vollen Betrag erstatten würde oder angesichts dieser enormen Preisunterschiede nicht nur einen Fixbetrag und wie hoch der wohl wäre. Das wussten sie nicht. Verunsichert nahm ich das Rezept lieber wieder mit.

Abends rief ich beim 24-Stunden-Service meiner Krankenkasse an und schilderte den bisherigen Ablauf. Auf der anderen Seite der Leitung explodierte jemand vor Wut: Wieso ich überhaupt mit einem blauen Privatrezept in der Gegend herumgeschickt würde? Das hätte alles mit einem rosa Kassenrezept zu geschehen. Ich würde überhaupt gar kein Geld erstattet bekommen, wenn ich anfangen würde, Quittungen für Privatrezepte oder Picksgebühren vom Arzt einzureichen. Wo wir denn da hinkämen. Kleinlaut fragte ich, was ich denn jetzt machen solle. Mein telefonisches Gegenüber wollte den Vorgang einem Experten für Impfungen vorlegen, welcher mich dann zurückrufen würde, aber leider nur zu den normalen Bürozeiten 9-12 und 13-16 Uhr. Da das auch meine normalen Bürozeiten sind, verpassten wir uns ein paar Tage lang, weil ich in Besprechungen saß, aber endlich bekam ich die Anweisung, entweder gleich die Hausarztpraxis zu wechseln oder aber wieder hinzugehen, ein rosa Rezept zu verlangen und bei Nichterhalt die Arztpraxis bei der Braunschweiger Geschäftsstelle meiner Krankenkasse zu melden. Dann werde da mal so richtig aufgeräumt…

Da es nicht förderlich ist, sich schon morgens vor der Arbeit aufzuregen, verlegte ich den nächsten Besuch in der Arztpraxis auf meinen heutigen freien Tag. Ich teilte dort freundlich mit, dass meine Krankenkasse keine Einreichung von Privatrezepten oder Picksgebühren für die MMR-Impfung akzeptiert und auf Ausstellung eines Kassenrezeptes sowie Abrechnung über die Krankenkassenkarte besteht. Ob ich das auch schriftlich hätte. Fassungslos starrte ich mein Gegenüber über den Tresen hinweg an, während es langsam in mir zu brodeln begann. Äußerst mühsam unterdrückte ich jede sprachliche Entgleisung und sagte ganz liebenswürdig: „Nee, schriftlich habe ich das nicht, aber ich soll meiner Krankenkasse den Namen dieser Praxis melden, falls ich hier heute ohne rosa Zettel weggeschickt werde…“ Schweigen auf der anderen Seite. Dann: „Da muss ich Frau Doktor fragen. Nehmen Sie doch solange Platz.“ Fünf (5!) Minuten später hatte ich das rosa Rezept für die MMR-Impfung. Ich ging damit zur Apotheke bei uns um die Ecke. Dort bot man mir sofort an, den Impfstoff direkt in die Praxis zu liefern, damit ich das Zeug bis zum Impfzeitpunkt nicht selbst im Kühlschrank deponieren muss. Da auf dem Rezept „gebührenpflichtig“ angekreuzt war, zückte ich mal wieder mein Portemonnaie. „Nee, bezahlen brauchen Sie nichts, das ist hier falsch angekreuzt. Diese Impfung wird ja von der STIKO empfohlen.“

Bin mal gespannt, wie heftig die Sprechstundenhilfe mir nächste Woche die Nadel ins Fleisch jagt…