Erstbeobachtungen

Ich freue mich jedes Jahr aufs Neue über die wiederkehrenden Ereignisse in der Natur. Aktuell sind das die Vorbereitungen der Störche auf das Brutgeschäft, die aufbrechenden Knospen von Kastanien, Magnolien und Forsythien und der an Lautstärke jetzt nicht mehr zu steigernde Morgengesang der Singvögel. Als Sahnehäubchen obendrauf kommen die Erstbeobachtungen, wo man einfach Glück hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Im letzten Jahr waren das eine zwischen Weidenzweigen gut getarnte Ringelnatter und ein Haubentaucherpärchen im Balztanz. Glück muss man als Hobbyfotograph dann auch noch mit seiner Ausrüstung haben: Bei der Ringelnatter hatte ich das Teleobjektiv dabei, weil ich eigentlich Seeadler beobachten wollte. Die Schlange lag weniger als eine Armlänge von mir entfernt, als ich sie erblickte. Sie hatte mich vermutlich schon 50 m zuvor wahrgenommen. Ich erstickte den Aufschrei „Ahhhh, eine Schlange!!!“, verhinderte mit purer Willensanstrengung eine panikartige Flucht in die Richtung, aus der ich gekommen war, und bekämpfte den Adrenalinschub durch volle Konzentration auf langsames Zurückweichen in den Fokussierabstand des Objektivs. Kurz bevor ich diesen endlich erreichte, hatte das faszinierende Tier die Nase voll vom Sonnenbad. Mir bleibt eine schöne Erinnerung und ein schlechtes Foto. Dasselbe bleibt mir vom Haubentauchertanz, nur dass ich da das Tele gebraucht hätte, aber nur mit dem kleineren unterwegs war: Wie man es macht…

Dieses Jahr hatte ich auch schon zwei Erstbeobachtungen. Der Schwarzspecht machte sich durch lautes Rufen rechtzeitig bemerkbar (anders als die reglose Schlange…), ich hatte das Tele im Anschlag und trotz schwieriger Lichtverhältnisse bin ich mit der Fotoausbeute sehr zufrieden (siehe Galerie „Draussen unterwegs“). Tja, und gestern in Hamburg an der Kleinen Alster waren wir ebenfalls bestens ausgerüstet, aber leider viel zu reaktionsträge. Ein Schwanenpaar schwamm sehr dicht Flügel an Flügel nebeneinander her und fing plötzlich an, teils abwechselnd teils synchron die Köpfe unter Wasser zu tauchen. Dabei wendeten sie beim wieder „Hochrollen“ der Hälse teils die Schnäbel einander zu, teils schauten sie Wange an Wange in dieselbe Richtung. Das Ganze in wechselndem Tempo und bestimmt eine Minute lang. Irgendwann überkreuzten sich dann ab und zu die Hälse beim Runtertauchen. Fasziniert fragte ich Dirk, ob das wohl ein Balzritual sein könnte. Anstatt mal langsam die Kamera aus dem Rucksack zu fischen, nippten wir beide weiter an Cappuccino und Holunder-Bionade.

Und dann zack: Plötzlich war das Männchen auf dem Rücken seiner Liebsten und es ging zur Sache. Kurz bevor beide absoffen war es dann auch schon wieder vorbei und die beiden verschmolzen einen wunderschönen Moment lang zu einem Schwanenherz – also Brust an Brust schwimmend mit herzförmig zueinander gebogenen Hälsen, die Schnäbel zärtlich aneinander schubbelnd. Dann breiteten beide ihre imposanten Flügel aus und schlugen damit so, dass sie sich Bauch an Bauch gepresst ein guten Stück weit aus dem Wasser erhoben – nur noch Schwanz und Füße im Tümpel. Auch dabei bildeten beide Hälse ein Herz. Wie wahnsinnig romantisch. Mir blieb der Mund offen stehen und ich dachte nur: Da sehe ich das erste Mal eine Schwanenpaarung inklusive Vor- und Nachspiel nur 25 m entfernt in schönstem Sonnenschein und verpasse völlig, die Kamera startklar zu machen… Bei der Entfernung und der Knallsonne hätte sogar jedes unserer drei Objektive wunderbar funktioniert. Wer neugierig geworden ist: Auf YouTube gibt es ein paar Videos von Balztanz und Paarung der Schwäne, aber ich finde keines so schön, wie unsere Beobachtung. Witzig ist auch das ausgiebige Baden, Putzen und Federnsortieren im Anschluss, was nochmal deutlich länger dauert, als der Akt als solcher.