Hausdächer im Frühsommer

In der Innenstadt direkt unter dem Dach zu wohnen bedeutet, dass an einem ganz normalen Junitag bei uns keine Ruhe einkehrt.

Ab Sonnenaufgang tschilpen die Spatzen lautstark auf unserer Regenrinne, woraufhin das Amselmännchen sich sofort animiert fühlt, von einem möglichst hohen Ausguck aus seinen Revier-Markier-Gesang anzustimmen. Dabei wechselt er ca. alle 10 min die Position: Die Antennen und Schornsteine liebt er besonders, manchmal muss er aber auch auf einen Dachfirst ausweichen, denn die Antennen und Schornsteine sind begehrte Plätze. Eine Türkentaube genießt auf der einen Antenne gerne die morgendlichen Sonnenstrahlen, zwei Krähen hocken auf der anderen einträchtig Flügel an Flügel und die Elstern machen von den Schornsteinen aus regelmäßig mit ihrem unmelodischen Krakelen auf sich aufmerksam, sofern dort nicht gerade die Ringeltauben dösen. Tagsüber, wenn keiner ihrer größeren Artgenossen dort oben thronen will und der Amselmann keinen Platz zum Singen beansprucht, sitzen auf den Antennen die kleinen Singvögel, wie Grünfinken, Meisen und Rotkehlchen, und bieten uns ein Gratiskonzert. Der Zilpzalp hingegen verschmäht die menschlichen Bauwerke komplett und ruft lieber den ganzen Tag lang seinen Namen aus der Birke, die bis in Höhe der Dachterrasse unserer Nachbarn ragt. Auf dem bemoosten Nachbardach und in den lange nicht gereinigten Dachrinnen suchen Hausrotschwänzchen emsig nach Insekten. Witzig wird es, wenn sie gegen die Dachfensterscheiben picken. Häufig paaren sich Ringeltauben auf dem Dachfirst gegenüber, was durch das Gurren kaum zu ignorieren ist.

Lautes metallisches Scheppern ertönt, wenn Spechte ausgiebig die Stangen der Antennen bearbeiten – den Sinn habe ich bis heute nicht verstanden, aber es ist lustig zu beobachten, wenn Antenne und Spechtkopf um die Wette vibrieren. Noch lauter wird es abends, wenn der Amselmann seinen Abendgesang anstimmt, wieder von dem höchsten Punkt aus, den er finden kann und alle 10 min die Position ändernd. Wenn allerdings zeitgleich ein Star mitteilungsbedürftig wird, verstummt er sofort irritiert und wirft nur ab und zu eine kreative Tonfolge dazwischen. Die Stare bleiben normalerweise lieber in den hohen Bäumen ringsum sitzen, aber einer ist dieses Jahr so vorwitzig, die Regenrinnen aufzusuchen, woraufhin ihn die Spatzen von der jeweils benachbarten Regenrinne aufgeregt antschilpen. Was habe ich vergessen? Ach ja, das was Dirk gerne mit „immer dieser Fluglärm“ kommentiert: Die Mauersegler mit ihren pfeilschnellen Flugmanövern und schrillen Schreien. Im Moment füttern sie ihre Jungen unter den umliegenden Dächern und die Kleinen sind bereits so groß, dass ihr Gepiepse dabei schon ähnlich schrill klingt, wie die Jubelrufe der Großen bei den abendlichen gemeinsamen Sturzflügen. Im Juli purzeln sie aus den Nestern und toben gemeinsam mit den Eltern und Junggesellen zwischen den Häusern durch. Dann wird es hier nochmal doppelt so laut. Stadt-Dach-Leben ist großartig!